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Masern
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Vorlage:Infobox ICD/Wartung/Para 05
Masern oder Morbilli sind eine hoch ansteckende Infektionskrankheit, die vor allem Kinder betrifft. Neben den typischen roten Hautflecken (Masern-Exanthem) ruft die Erkrankung Fieber und einen erheblich geschwĂ€chten Allgemeinzustand hervor. Diese sogenannte Kinderkrankheit wird durch das Masernvirus hervorgerufen und kann in manchen FĂ€llen lebensbedrohlich sein durch schwere VerlĂ€ufe (Komplikationen) mit Lungen- und HirnentzĂŒndungen. In den meisten LĂ€ndern ist die Erkrankung meldepflichtig.
Die Diagnose erfolgt durch das klinische Bild und einen Antikörpernachweis im Blut. Eine spezifische Therapie existiert nicht, der Erkrankung und somit auch den Komplikationen kann jedoch durch Impfung ab dem zwölften Lebensmonat vorgebeugt werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) strebt die weltweite Ausrottung der Masern an. Durch Impfungen konnte die Zahl der Erkrankungen in der Vergangenheit stark reduziert werden, von 1980 bis 2013 um ĂŒber 95 %. Bedingt durch die sich in den IndustrielĂ€ndern ausbreitende Impfscheu und die globale Migrationsbewegung sind die MasernfĂ€lle weltweit in den letzten Jahren wieder um 30 % angestiegen. Die WHO hat deshalb im Januar 2019 die Masern zur Bedrohung der globalen Gesundheit erklĂ€rt. Die ĂberprĂŒfung und ErgĂ€nzung des Impfschutzes fĂŒr Masern fĂŒr Erwachsene und Kinder bei Reisevorbereitungen wird daher dringend empfohlen. In Regionen mit hoher Impfquote wie beispielsweise Nord- und SĂŒdamerika sind Masern bis auf wenige importierte FĂ€lle de facto bereits ausgerottet, dort wurden im Jahr 2014 weniger als 2000 FĂ€lle bestĂ€tigt.cite-ref-1[1] Seit Ende 2023 ist europaweit ein starker Anstieg der Fallzahlen zu beobachten.cite-ref-2[2]
Die lateinische Bezeichnung morbilli ist eine Verkleinerungsform (Diminutiv) von lateinisch morbus âKrankheitâ.
Contents
âą Epidemische Lage
âą Erregerreservoir
âą Welt
âą Europa
âą Amerika
âą Europa
âą Nordamerika
âą Asien
âą Afrika
âą Ozeanien
âą Erreger
âą Eigenschaften
âą Krankheitsbild
âą Komplikationen
âą Diagnose
âą Therapie
âą Vorbeugung
⹠QuarantÀne
âą Impfung
âą Geschichte
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Epidemische Lage
Erregerreservoir
Menschen und Primaten können sich mit dem Masernvirus anstecken. Vom Menschen ausgehende Infektionen der Primatenpopulation sind dokumentiert. Bei den Menschenaffen ist aber die Anzahl der Individuen innerhalb der sozialen Gruppe zu klein, so dass das Virus dort ausbrennt und nicht dauerhaft zirkuliert.cite-ref-3[3] Da somit der Mensch die einzige Wirtspopulation ist, welche eine dauerhafte Erregerzirkulation ermöglicht und ein wirksamer Impfstoff zur VerfĂŒgung steht, ist die Ausrottung des Erregers möglich.cite-ref-4[4]
Welt
Das Masernvirus kommt weltweit vor, wobei die KrankheitshÀufigkeit stark variiert. Insbesondere in EntwicklungslÀndern kommt es immer wieder zu lokalen Masernepidemien mit hohen Krankheits- und Sterblichkeitszahlen.cite-ref-7[7]cite-ref-8[8] Die Masern gehören dort zu den hÀufigsten Infektionskrankheiten. Laut SchÀtzung der WHO haben sie im Jahr 2000 fast die HÀlfte der 1,7 Millionen durch Impfung vermeidbaren TodesfÀlle bei Kindern verursacht, bei geschÀtzten 30 bis 40 Millionen KrankheitsfÀllen in jenem Jahr.cite-ref-who-measles-9-0[9] Die Zahl der gemeldeten Erkrankungen liegt aufgrund der hohen Dunkelziffer weit unter diesen geschÀtzten Werten (siehe Tabelle).
Auf der anderen Seite konnte das Virus durch groĂ angelegte Impfkampagnen in verschiedenen anderen Regionen, so dem gesamten amerikanischen Doppelkontinent, bereits weitgehend eliminiert werden (siehe Grafik). Das wurde dadurch möglich, dass der Mensch der einzige Wirt des Masernvirus ist. 2001 legten die WHO und UNICEF einen Plan vor mit dem Ziel, die Sterblichkeitsrate bei Kindern durch weltweite Impfprogramme bis zum Jahr 2005 zu halbieren. WĂ€hrend genaue Daten noch ausstehen, zeigen verschiedene Berichte, dass dieses Ziel zu einem groĂen Teil erreicht wurde. Von 1999 bis 2003 gelang eine weltweite Reduktion der Masern-Sterblichkeit um 39 %, wobei weiterhin hohe Sterblichkeitsraten in Afrika und SĂŒdostasien bestehen.cite-ref-11[11] 2005 adaptierte die World Health Assembly der WHO diese PlĂ€ne und formulierte fĂŒr das Jahr 2010 das Ziel einer 90-prozentigen Reduktion der weltweiten Sterblichkeit.cite-ref-uptodate-epid-12-0[12] Dieses Ziel wurde laut WHO nicht erreicht. Von weltweit 535.300 (geschĂ€tzt) Maserntoten im Jahr 2000 sank die Zahl bis 2010 auf 139.300, dies entspricht einer Senkung um 74 %.cite-ref-13[13] 2019 sind weltweit nach SchĂ€tzungen der WHO und CDC mehr als 200.000 Menschen an Masern gestorben, insbesondere in Afrika.cite-ref-14[14]
Anfang 2020 Ă€uĂerte die WHO, eine im Kongo herrschende, ein Jahr zuvor ausgebrochene Masernepidemie sei der âderzeit schlimmste Masernausbruch weltweitâ. Sie habe zu mehr als 6.000 TodesfĂ€llen gefĂŒhrt.cite-ref-15[15]
Europa
Die Gesamtzahl der erfassten Erkrankungen in Europa ging von 1990 bis 2004 bei gleichzeitig verbesserter Ăberwachungs- und Meldesysteme deutlich zurĂŒck.cite-ref-uptodate-epid-12-1[12] Die HĂ€ufigkeit der FĂ€lle ist, bedingt durch variierende Impfquoten, sehr unterschiedlich. WĂ€hrend sie in einigen Regionen, wie den skandinavischen LĂ€ndern, sehr niedrig ist â in Finnland traten seit 1996 lediglich vier importierte FĂ€lle aufcite-ref-rki-bulletin-16-0[16] â, ist das in Mittel- und Osteuropa oft noch nicht der Fall. Dort kommt es aufgrund von ImpflĂŒcken immer wieder zu lokalen KrankheitsausbrĂŒchen. Trotz Meldepflicht in den meisten LĂ€ndern existiert wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer, und die Zahl der tatsĂ€chlichen KrankheitsfĂ€lle liegt wesentlich höher als die der gemeldeten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) appellierte 2011 an die EU-Mitgliedstaaten, MaĂnahmen zur BekĂ€mpfung der Masern zu verstĂ€rken.cite-ref-17[17]
Im Jahr 2018 wurden bei weitem mehr MasernfĂ€lle gemeldet als in anderen Kalenderjahren des Jahrzehnts.cite-ref-18[18] Nachdem im Jahr 2022 insgesamt nur 941 FĂ€lle in der Region Europa gemeldet worden waren, informierte die WHO im Dezember 2023 ĂŒber das Auftreten von rund 30.000 MasernfĂ€lle in den Monaten Januar bis Oktober 2023, was einen mehr als 30-fachen Anstieg bedeutet. Um den Trend umzukehren, wurden dringende MaĂnahmen gefordert.cite-ref-19[19]
Amerika
Bis 1994 fĂŒhrten nahezu alle Staaten der UN-Region Amerika Impfprogramme fĂŒr Kinder ein. Dadurch verringerte sich die durchschnittliche Zahl der Neuerkrankungen von 250.000 auf etwa 100 FĂ€lle pro Jahr, die Masern gelten damit als faktisch ausgerottet. Regional treten noch vereinzelte KrankheitsausbrĂŒche auf, die nahezu alle importiert sind oder auf importierte Masern zurĂŒckgefĂŒhrt werden können.cite-ref-uptodate-epid-12-2[12]cite-ref-20[20] Amerika wird somit ein Beispiel dafĂŒr zitiert, dass die Masern durch Impfprogramme weltweit beherrscht werden können.cite-ref-21[21]
Inzwischen treten genuine, also nicht importierte, Masernerkrankungen in den Staaten Nord- und SĂŒdamerikas mit Einschluss der Karibik kaum noch auf.cite-ref-22[22] Die Centers for Disease Control and Prevention sehen die Masern in den USA nicht mehr als endemische Krankheit an.cite-ref-uptodate-epid-12-3[12] 2016 wurde die Elimination der Masern in der WHO-Region Americas welche Nord- und SĂŒdamerika umfasst zertifiziert. Zwischenzeitlich kam es in Venezuela und Brasilien wieder zu einer endemischen Verbreitung der Erkrankung. Die beiden LĂ€nder konnten die Elimination bis 2023 und 2024 wiederherstellen.cite-ref-23[23] Auch in den USA kam es nach 2016 wieder zu einer Zunahme von Masernerkrankungen. Ausgangspunkt waren Menschen, die aus Staaten mit noch endemischem Vorkommen von Masern in die USA eingereist waren und dann das Virus in Subpopulationen verschleppt hatten, die in den USA ohne HerdenimmunitĂ€t sind. Ab Anfang Januar wurden, mit Stand zum 3. Juli 2019, ĂŒber 1109 FĂ€lle von Masern in 28 Staaten der USA gemeldet. Dies ist die gröĂte Fallzahl seit 1992.cite-ref-24[24]
Situation nach Staaten
Europa
Deutschland
| Jahr | FĂ€lle |
|---|---|
| 2001 | 6039 |
| 2002 | 4656 |
| 2003 | 777 |
| 2004 | 123 |
| 2005 | 781 |
| 2006 | 2308 |
| 2007 | 570 |
| 2008 | 914 |
| 2009 | 569 |
| 2010 | 780 |
| 2011 | 1608 |
| 2012 | 165 |
| 2013 | 1770 |
| 2014 | 464 |
| 2015 | 2442 |
| 2016 | 326 |
| 2017 | 924 |
| 2018 | 545 |
| 2019 | 515 |
| 2020 | 76 |
| 2021 | 10 |
| 2022 | 15 |
| 2023 | 79 |
| 2024 | 645 |
| 2025 | 234 |
2005 kam es in Deutschland zu zwei gröĂeren MasernausbrĂŒchen: im Februar in Hessen (223 MasernfĂ€lle, eine 14-JĂ€hrige starb) und von MĂ€rz bis Juli in Oberbayern (279 MasernfĂ€lle). 13 % von ihnen wurden in Kliniken behandelt. 2006 wurden MasernhĂ€ufungen in Baden-WĂŒrttemberg sowie in Nordrhein-Westfalen (dort weit ĂŒber 1500 FĂ€lle) gemeldet.cite-ref-26[26]
2013 kam es in MĂŒnchen zu einer Epidemie. Das dortige Gesundheitsreferat registrierte von April bis Anfang Juni 220 FĂ€lle (nach 7 FĂ€llen im Vorjahr). Ăber die HĂ€lfte der Erkrankten musste in Kliniken behandelt werden, besonders hĂ€ufig erkrankten Jugendliche und junge Erwachsene.cite-ref-27[27] Eine SchĂŒlerin brachte das Virus dann an eine Waldorfschule im Rhein-Erft-Kreis, wo es bei einer Impfquote von nur 25 % bei 400 SchĂŒlern zu einem weiteren Masernausbruch im Juli 2013 kam. 54 Menschen (davon 29 Jugendliche und Erwachsene) erkrankten. Drei Patienten mussten stationĂ€r im Krankenhaus behandelt werden. Da auch die Impfquote der Lehrer sehr niedrig war, musste die Schule fĂŒr sechs Tage geschlossen werden.cite-ref-28[28]
Zwischen dem 29. September 2014 und dem 27. September 2015 (Saisonjahr ab Kalenderwoche 40) wurden in Berlin 1392 Masernerkrankungen gemeldet, was einer Inzidenz von 407 pro 1 Million Einwohner entspricht. In ThĂŒringen, Sachsen, Hamburg und Brandenburg ergaben sich Inzidenzen zwischen 45 und 75. FĂŒr Deutschland ergibt sich aus 2.465 in dieser Zeit gemeldeten FĂ€llen eine Inzidenz von 30,1. Die meisten Erkrankungen (ĂŒber 1000 in Berlin) wurden von Januar bis April gemeldet.cite-ref-29[29] Der Virusstamm wurde vermutlich von Asylsuchenden aus Bosnien und Herzegowina und Serbien, die auch als erste erkrankten, eingeschleppt. In Bosnien und Herzegowina grassierte bereits seit Februar 2014 eine Masern-Epidemie mit mehreren Tausend Erkrankten.cite-ref-30[30] Die Daten im Epidemiologischen Bulletin lieĂen 2013 befĂŒrchten, dass Masern in Deutschland bald wieder endemisch wĂŒrden; dies trat jedoch bisher nicht ein.cite-ref-31[31] Im MĂ€rz 2020 begann die COVID-19-Pandemie in Deutschland und in vielen anderen LĂ€ndern. Wegen der dagegen ergriffenen MaĂnahmen wurden in den Kalenderwochen 10 bis 32 85 % weniger FĂ€lle registriert als im Durchschnitt der Vorjahre.cite-ref-32[32]
In der DDR gab es eine Impfpflicht gegen Masern. 2016 waren in Deutschland 93 Prozent der Kinder bei der Schuleingangsuntersuchung ausreichend gegen Masern geimpft.cite-ref-spiegel-2019-14-12-33-0[33] Da Kinder, die Waldorfschulen besuchen, relativ selten geimpft sind, treten dort Masern hÀufig auf.cite-ref-34[34]cite-ref-35[35]
Seit Beginn der Meldepflicht 2001 wurden bis 2018 acht TodesfÀlle durch Masern registriert; Komplikationen wurden bei 1,1 bis 8,4 Prozent aller gemeldeten Masernerkrankungen gemeldet.cite-ref-36[36]
In Deutschland ist zum 1. MĂ€rz 2020 das Masernschutzgesetz in Kraft getreten. Es regelt die Nachweispflicht eines Masernimpfschutzes oder einer medizinischen Gegenanzeige von Mitarbeitern in Schulen und KindergĂ€rten sowie SchĂŒler und Kindergartenkinder. Ebenso sind Bewohnern von GemeinschaftsunterkĂŒnften fĂŒr Asylbewerber, Kinder in Kinderheimen und Mitarbeitern von Gesundheitseinrichtung nachweispflichtig.cite-ref-37[37]
Ăsterreich
In Ăsterreich wurde vor der EinfĂŒhrung der Masern-Meldepflicht 2001 vom Institut fĂŒr Virologie (Wien) ein freiwilliges Meldesystem betrieben, das etwa 8 % der österreichischen Bevölkerung abdeckte. Somit konnten fĂŒr den Zeitraum von 1993 bis 1997 etwa 28.000 bis 30.000 MasernfĂ€lle fĂŒr ganz Ăsterreich hochgerechnet werden, wobei besonders 1996 und 1997 ein gehĂ€uftes Auftreten von Masernerkrankungen zu verzeichnen war. Die Zahl der jĂ€hrlichen FĂ€lle lag zwischen 2003 und 2007 jeweils unter 100 pro Jahr.cite-ref-whosummary-5-1[5]
Ab MĂ€rz 2008 breitete sich von einer Waldorfschule im Raum Salzburg eine Masernepidemie ĂŒber fast alle österreichischen und zwei deutsche BundeslĂ€nder aus. In Salzburg wurden 241 FĂ€lle gemeldet, 146 in Oberösterreich, 22 in Wien, 13 in Tirol und 10 in Vorarlberg.cite-ref-hholzmann-38-0[38] Im Zusammenhang mit dieser Epidemie erkrankten nach Auskunft bayerischer Behörden zwischen Mitte MĂ€rz und Mitte Juli 2008 auch insgesamt 217 Personen in vier oberbayerischen Landkreisen.cite-ref-39[39] Das Department fĂŒr Virologie der Medizinischen UniversitĂ€t Wien fĂŒhrt hingegen nur 50 MasernfĂ€lle in Bayern, 2 in Baden-WĂŒrttemberg und 4 MasernfĂ€lle in Norwegen direkt auf diesen Ausbruch zurĂŒck. Nur 21 der insgesamt 443 im Jahr 2008 gemeldeten Maserninfektionen in Ăsterreich waren nicht Teil des Salzburger Ausbruchs, sondern waren durch Reisen aus LĂ€ndern wie der Schweiz, Deutschland, Spanien und Indien nach Ăsterreich importiert worden.cite-ref-hholzmann-38-1[38]
Schweiz
In der Schweiz kam es 1997 zu einer Epidemie mit 6400 Erkrankungen. Die Daten der Schweiz basieren auf dem Sentinella-Meldesystem.cite-ref-40[40] Nach 574 FÀllen im Jahr 2003 wurden 2004 mit 39 FÀllen und 2005 mit 60 FÀllen wesentlich niedrigere Erkrankungsraten gemeldet.cite-ref-whosummary-5-2[5] Ab November 2006 breitete sich eine neue Epidemie aus. Bis Ende 2007 wurden mehr als 1100 Erkrankungen gemeldet, der Schwerpunkt lag dabei im Kanton Luzern.cite-ref-41[41] Anfang 2008 verschÀrfte sich die Lage vor allem in der Nordwest- und Ostschweiz, bis Mitte MÀrz gab es schon 734 neue MasernfÀlle. Verschiedene KantonsÀrzte empfahlen daher vorbeugende Masernimpfungen.cite-ref-42[42]
Im Februar 2009 erkrankten an der Rudolf-Steiner-Schule in Crissier rund 40 SchĂŒler an Masern. Daraufhin wurden 250 SchĂŒler fĂŒr drei Wochen von der Schule ausgeschlossen.cite-ref-43[43] In Genf starb ein zwölfjĂ€hriges MĂ€dchen aus Frankreich infolge der Masernerkrankung.cite-ref-tages-anzeiger-44-0[44] Im Dezember 2010 bis Januar 2011 wurden in der Schweiz 31 FĂ€lle an der Rudolf-Steiner-Schule in Basel gemeldet.cite-ref-45[45] Im Februar 2017 starb ein junger Erwachsener, dessen Immunsystem infolge einer LeukĂ€mieerkrankung geschwĂ€cht war.cite-ref-tages-anzeiger-44-1[44] In den Jahren 2007 und 2009 wurden jeweils mehr als tausend, im Jahr 2008 ĂŒber zweitausend FĂ€lle gemeldet. In den Jahren 2011 und 2013 wurden dreistellige, in den Jahren 2010, 2012 und 2014 bis 2016 wurden jeweils zweistellige Fallzahlen gemeldet.cite-ref-46[46] 2019 haben die MasernfĂ€lle wieder deutlich zugenommen. Bis Mitte April wurden bereits 138 MasernfĂ€lle mit zwei Toten gemeldet.cite-ref-47[47] Bis Ende des Monats stieg die Anzahl erkrankter Personen auf 155; letztmals wurden 2013 so viele Fallzahlen gemeldet.cite-ref-48[48] Von Anfang Januar bis 8. Oktober 2019 wurden in der Schweiz 212 FĂ€lle von Masern verzeichnet, sechsmal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres (35 FĂ€lle).cite-ref-49[49]
Niederlande
In den Niederlanden wird aufgrund einer orthodox-protestantischen Bevölkerungsgruppe (Orthodox gereformeerde kerken), die aus religiösen GrĂŒnden eine Impfung ablehnt, ein epidemisches Auftreten der Masern in regelmĂ€Ăigencite-ref-spektrum-de-1620394-50-0[50] AbstĂ€nden beobachtet. Im auch sogenannten BibelgĂŒrtel kam es nach AusbrĂŒchen in den Jahren 1976 und 1988 zu einem weiteren Ausbruch im Jahre 1999 mit 2961 Erkrankungen und drei TodesfĂ€llen, zwischen Mai 2013 und MĂ€rz 2014 wurden ĂŒber 2600 Masernerkrankungen gemeldet, 182 wurden im Krankenhaus behandelt und ein Kind starb.cite-ref-51[51] Wegen der geringen Impfquote von ca. 60 % unter Kindern kommt es im BibelgĂŒrtel etwa alle 12 Jahre zu Masernepidemien mit etwa denselben AusmaĂen (jeweils ca. 2.500 ĂŒbermittelte MasernfĂ€lle).cite-ref-spektrum-de-1620394-50-1[50]cite-ref-dutchbiblebelt-52-0[52]
Italien
2002 kam es in der Region Kampanien im sĂŒdlichen Italien zu einer weiteren lokalen Epidemie mit 1571 KrankheitsfĂ€llen, von denen drei zum Tode fĂŒhrten.cite-ref-53[53] Nach Ausbruch einer Masernepidemie Anfang 2017 (mit ĂŒber 5.000 gemeldeten FĂ€llen)cite-ref-wienerzeitung-at-1015657-54-0[54] wurde in Italien die Impfpflicht u. a. gegenĂŒber Masern eingefĂŒhrt.cite-ref-55[55] 2018 halbierten sich daher die gemeldeten ErkrankungsfĂ€lle auf 2.548, es kam zu sieben TodesfĂ€llen.cite-ref-wienerzeitung-at-1015657-54-1[54]
Finnland
In Finnland traten zwischen 1996 und 2003 lediglich vier importierte FĂ€lle auf.cite-ref-rki-bulletin-16-1[16] Finnland gilt als eines der ersten LĂ€nder weltweit, die Masern (ab 1996) bzw. auch Mumps und Röteln (1997) eliminieren konnten.cite-ref-uhlmann-56-0[56] FĂŒr den Erfolg in Finnland gelten eine bereits in den 1980er Jahren groĂ ausgebautes Netz an Gesundheitseinrichtungen, die den GroĂteil an Impfungen verabreicht haben.cite-ref-uhlmann-56-1[56] Aktuell (2019) erkranken jĂ€hrlich vereinzelt einfach geimpfte oder ungeimpfte Menschen im Zusammenhang mit Reisen in Endemiegebiete. Die Durchimpfungsrate liegt zwischen 95 und 97 %.cite-ref-57[57]
RumÀnien
Nordamerika
Vereinigte Staaten
Anders als in EntwicklungslĂ€ndern hatte wie in anderen entwickelten Staaten zwar auch in den USA die LetalitĂ€t an Masernerkrankungen aufgrund verschiedener Ursachen (bessere allgemeine Lebensbedingungen, wirksame Behandlung der Masernpneumonie) abgenommen â 1912 wurden 25 TodesfĂ€lle pro 1000 gemeldeter Masernerkrankungen registriert, 1962 sank diese Rate auf 1 Todesfall pro 1000 gemeldeter Masernerkrankungen.cite-ref-perryhalsey-59-0[59] Weil die Zahl der Masernerkrankungen aber nach wie vor hoch blieb, wurden im MĂ€rz 1963 in den USA zwei Impfstoffe zugelassen und zunehmend eingesetzt: Ein Lebendimpfstoff der Firma MSD (attenuierter Impfstamm Edmonston B)cite-ref-60[60] und ein Totimpfstoff von Pfizer.cite-ref-61[61] Im September 1963 wurden 25.000 Menschen mit dem Lebendimpfstoff geimpft; bis Mitte 1966 erhielten fast 15 Millionen Kinder einen der beiden Impfstoffe. Die Anzahl der Masernerkrankungen pro Jahr sank daraufhin in den USA von ĂŒber 400.000 auf unter 100.000 seit 1967 und auf unter 7000 seit 1981. Einen Anstieg der FĂ€lle gab es jedoch von 1989 bis 1991. In diesen drei Jahren zusammen wurden 55.622 ErkrankungsfĂ€lle gemeldet, von denen 123 tödlich endeten. HauptsĂ€chlich waren Kleinkinder aus hispanoamerikanischen und afroamerikanischen Familien betroffen, bei denen die Rate ungeimpfter Kinder deutlich höher war als bei der Gesamtbevölkerung. Im Jahr 1992 kam es zu mehr als 2.100 registrierten FĂ€llen.cite-ref-tagesschau-2025-07-14-62-0[62] Von 1993 bis 2016 lag die Zahl der jĂ€hrlich gemeldeten Erkrankungen zwischen 963 und 37.cite-ref-63[63]
Im September 2000 wurden Masern zwar in Amerika fĂŒr ausgerottet erklĂ€rt,cite-ref-64[64] seitdem kam es aber mehrfach zu lokalen AusbrĂŒchen: In Minnesota erkrankten ab April 2017 mehrere Dutzend Menschen,cite-ref-65[65] im Jahr 2018 gab es 17 AusbrĂŒche mit insgesamt 372 Betroffenen,cite-ref-cdc-stat-66-0[66] im Januar und Februar 2019 gab es 206 FĂ€lle,cite-ref-67[67] die zum GroĂteil auf Reisende zurĂŒckgefĂŒhrt wurden.cite-ref-cdc-stat-66-1[66] Ende April 2019 meldete die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC einen neuen Höchststand von MasernfĂ€llen, mit 695. Dies ist der höchste Stand seit der von der US-Gesundheitsbehörde offiziell bekanntgegebenen Ausrottung der Krankheit in den USA im Jahr 2000.cite-ref-zeit-de-2019-04-68-0[68] FĂ€lle von Masernerkrankungen wurden in 22 Bundesstaaten registriert, wobei New York und Washington D.C. die meisten Infektionen verzeichneten. Hierbei fand der Masernausbruch von 2019 in New York in der jĂŒdisch-orthodoxen Gemeinde in Williamsburg statt. Er gilt seit 1991 als der gröĂte Ausbruch und fĂŒhrte dazu, dass der medizinische Notstand ausgerufen und eine Impfpflicht eingefĂŒhrt wurde;cite-ref-zeit-de-2019-04-68-1[68]cite-ref-69[69] landesweit kam es 2019 zu 1.274 registrierten FĂ€llen. Im Jahr 2025 wurde dieser Wert bereits im Juli ĂŒbertroffencite-ref-tagesschau-2025-07-14-62-1[62]cite-ref-indeksonline-2025-07-09-70-0[70] (1.309 FĂ€lle am 15. Juli 2025cite-ref-71[71]).
Kanada
Die Meldepflicht fĂŒr Masern wurde in Kanada ab 1924 eingefĂŒhrt und einmal im Zeitraum von 1958 bis 1969 ausgesetzt.cite-ref-king-72-0[72] Vor EinfĂŒhrung der Masernschutzimpfung traten Epidemien alle 2 bis 3 Jahre auf, der höchste Peak war 1935 mit ĂŒber 83.000 FĂ€llen. Praktisch jedes Kind war damals von Masern betroffen.cite-ref-duclos-73-0[73] 1926 wurden die meisten jemals gezĂ€hlten Masern-assoziierten TodesfĂ€lle (892) innerhalb eines Jahres registriert. 1963 wurde ein Lebendimpfstoff in Kanada zugelassen, damals wurde mit einer Dosis geimpft.cite-ref-king-72-1[72] Totimpfstoffe wurden vor 1970 in zwei Provinzen eingesetzt, wegen ihrer Nebenwirkungen spĂ€ter aber durch den Lebendimpfstoff ersetzt.
Vor 1970 wurde â im Gegensatz zu den USA â nicht hĂ€ufig gegen Masern geimpft. Die umfassenden Impfprogramme in den USA haben dort zu einem schĂ€rferen RĂŒckgang an MasernfĂ€llen gefĂŒhrt als in Kanada.cite-ref-duclos-73-1[73] Gegen Ende der 1970er Jahre wird eine Durchimpfungsrate in Kanada von ca. 85 % angenommen, Ende der 1980er Jahre dann ĂŒber 95 %.cite-ref-king-72-2[72] 1992 wurde ein Programm zur Masernelimination (bis 2005) beschlossen; fĂŒr dieses Ziel wurde die Gabe einer Zweitdosis vor Schuleintritt empfohlen. Dies mĂŒndete 1996/97 darin, regulĂ€r zweimal gegen Masern zu impfen; zudem wurden Kampagnen gestartet, einfach geimpfte Kinder und Jugendliche nachzuimpfen.cite-ref-king-72-3[72]
Nach 2000 kam es zweimal zu Masernepidemien. Insgesamt 752 FĂ€lle (meistens Jugendliche) wurden 2011, insbesondere in der Provinz Quebec, registriert.cite-ref-serres-74-0[74] Diese gingen von aus Frankreich eingereisten Infizierten aus, insbesondere aus Regionen, die niedrige Impfquoten aufwiesen.cite-ref-75[75]cite-ref-76[76] Der D4-Genotyp des Virus entspricht darĂŒber hinaus dem, welcher den Ausbruch desselben Jahres in Frankreich verursacht hatte.cite-ref-serres-74-1[74] Unter den FĂ€llen waren auch Kinder, die trotz Impfung erkrankt waren; eine ErklĂ€rung hierfĂŒr ist, dass deren MĂŒtter Masern durchgemacht hatten und im Zuge des Nestschutzes entsprechende Antikörper weitergegeben haben.cite-ref-ccdr-41-7-77-0[77] Diese haben dann die Impfviren neutralisiert.
2014 kam es zu einer Epidemie mit 419 FĂ€llen, gröĂtenteils in orthodox-protestantischen Gemeinden.cite-ref-ccdr-41-7-77-1[77] Fast alle Erkrankten waren aus religiösen GrĂŒnden ungeimpft, der Altersmedian lag bei 11 Jahren.
Asien
Israel
Im Jahr 2008 wurde von der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC auf einen Ausbruch von Masern in Israel hingewiesen, wo mehr als 900 FÀlle bekanntgeworden sind, 700 davon in Jerusalem und Bet Schemesch.cite-ref-78[78]
Nordkorea
Osttimor
Pakistan
In Pakistan sind, nachdem bereits im Jahr 2012 ĂŒber 300 Maserntote gezĂ€hlt wurden, bei einem weiteren schweren Masernausbruch 2013 erneut ĂŒber 300 Kinder an der Krankheit gestorben. Dort wurden 2012 und 2013 ĂŒber 8.000 Masernerkrankungen bestĂ€tigt.cite-ref-80[80]
Afrika
Kongo
Anfang 2019 kam es zu einer Masernepidemie, bei der ĂŒber 350.000 erkrankten und etwa 6.500, hauptsĂ€chlich Kinder, verstorben sind.
SĂŒdafrika
In SĂŒdafrika grassierte von 2009 bis 2011 eine Masernepidemie mit ĂŒber 18.000 gemeldeten FĂ€llen (13.000 laborbestĂ€tigt).cite-ref-81[81]
Tansania
GemÀà WHO-Statistik liegt in Tansania die Impfquote fĂŒr die Masernerstimpfung bei 99 %, wenngleich die Daten auf Hochrechnungen der Bevölkerungszahlen einer VolkszĂ€hlung von 2012 basieren.cite-ref-82[82] Impfungen hatten einen Anteil von 20 % bei dem starken RĂŒckgang der Kindersterblichkeit von Kindern unter fĂŒnf Jahren.
Somalia
Ozeanien
Samoa
In Samoa leben rund 200.000 Menschen, die eine besonders niedrige Impfquote von 28 % bis 40 % aufwiesen. Mitte November 2019 waren so viele MasernfĂ€lle aufgetreten, dass der Notstand ausgerufen und Ausgangsverbot verhĂ€ngt worden war. Am 20. November wurde eine Impfkampagne gestartet, bei der bis 2. Dezember 2019 58.000 Menschen im Alter von sechs Monaten bis 60 Jahren, entsprechend knapp 30 % der Bevölkerung geimpft wurden. Ende Dezember 2019 wurde der sechswöchige Notstand fĂŒr beendet erklĂ€rt, von November 2019 bis 29. Dezember 2019 wurden etwa 5.600 MasernfĂ€lle gemeldet und es starben 81 Menschen daran, meistens SĂ€uglinge und Kleinkinder.cite-ref-84[84] Die Impfquote hat mittlerweile 95 % erreicht.
Erreger
Eigenschaften
Das Masernvirus ist ein ausschlieĂlich im Menschen vorkommendes (humanpathogenes), etwa 120â140 Nanometer groĂes einzelstrĂ€ngiges RNA-Virus aus der Familie der Paramyxoviren (Genus Morbillivirus). Es ist eng mit dem Hundestaupevirus und am engsten mit dem mittlerweile ausgerotteten Erreger der Rinderpest verwandt.cite-ref-science-aba9411-85-0[85]
Die HĂŒlle des Masernvirus enthĂ€lt die OberflĂ€chenproteine HĂ€magglutinin (H-Protein) und Fusionsprotein (F-Protein) sowie ein Matrixprotein (M-Protein). H- und F-Protein sind fĂŒr die Fusion mit der Wirtszelle und die Aufnahme durch diese verantwortlich. Die zellulĂ€ren Rezeptoren, ĂŒber deren Hilfe das Virus in die menschlichen Zellen aufgenommen wird, sind CD150 und Nectin-4.cite-ref-laksono-86-0[86] Nectin-4 wird von Epithelzellen prĂ€sentiert, CD150 von gewissen Zellen des Immunsystems (Lymphozyten, Monozyten, Makrophagen und dendritische Zellen). Diese Zellen spielen daher bei der Pathogenese einer Maserninfektion (mit dem Wildvirus) eine groĂe Rolle. Der Rezeptor CD46 dient bei Impfungen mit Masernimpfstoffen als zusĂ€tzlicher zellulĂ€rer Rezeptor.cite-ref-laksono-86-1[86] Die von der Impfung hervorgerufenen (induzierten) Antikörper richten sich gegen die OberflĂ€chenproteine des Masernvirus, insbesondere gegen das H-Protein.cite-ref-87[87]
Die WHO definiert 24 bisher bekannte Genotypen (Variationen der genetischen Informationen) in acht Gruppen (AâH).cite-ref-88[88] Die Mutationsrate der Genome ist vergleichsweise gering, wodurch weltweite (geografische) Infektionswege nachvollzogen werden können.cite-ref-89[89] In Mitteleuropa kommen vor allem die Genotypen B3 und D8 vor.cite-ref-90[90] Die MasernausbrĂŒche in der Schweiz und in Niederbayern 2006/2007 waren hingegen durch den aus Thailand oder Kambodscha stammenden Genotyp D5 verursacht.cite-ref-epidbull-91-0[91] Dies ermöglichte den Nachweis einer Infektkette von der Schweiz nach Niederbayern und von dort weiter nach Ăsterreich und Hannover, da der Genotyp D5 in Mitteleuropa sonst nur in EinzelfĂ€llen auftritt. Weiterhin existiert nur ein stabiler Serotyp (Kombination von OberflĂ€chenmerkmalen des Erregers), weshalb ein gut wirksamer Impfstoff hergestellt werden konnte.
Das Virus ist sehr empfindlich gegenĂŒber Ă€uĂeren EinflĂŒssen wie erhöhten Temperaturen, Ultraviolettstrahlung (Licht) sowie aufgrund seiner VirushĂŒlle gegenĂŒber Fettlöse- und Desinfektionsmitteln. An der Luft bleibt das Virus lediglich zwei Stunden infektiös.
Ăbertragung und Körperabwehr
Die Ăbertragung des Masernvirus erfolgt durch direkten Kontakt oder durch Tröpfcheninfektion. Die InfektiositĂ€t der Masern besteht drei bis fĂŒnf Tage vor dem Ausbruch des Hautausschlags bis vier Tage danach. Das Masernvirus dringt ĂŒber die Epithelzellen der Schleimhaut des Atemtrakts oder seltener ĂŒber die Bindehaut der Augen in den Körper ein. Das Virus fĂŒhrt dabei durch die hohe AnsteckungsfĂ€higkeit schon nach kurzer Exposition zu einer Infektion (Kontagionsindex von fast 1). Die Viren vermehren sich in den regionalen Lymphknoten und breiten sich nach etwa 48 Stunden ĂŒber die Blutbahn in das retikulohistiozytĂ€re System aus. Dies geht einher mit einem meist kurzen Auftreten des Virus im Blut (VirĂ€mie). Nach etwa 5â7 Tagen kommt es zu einer zweiten VirĂ€mie mit anschlieĂender Infektion der Haut und des Atemtrakts. Dadurch werden der charakteristische Hautausschlag (Masernexanthem) und die schnupfenartigen Symptome, Husten und akute Bronchitis ausgelöst. Durch die Invasion des Virus in T-Lymphozyten sowie erhöhte Spiegel von Botenstoffen (Zytokinen), insbesondere Interleukin-4, wird eine vorĂŒbergehende SchwĂ€che der Körperabwehr verursacht. WĂ€hrend dieser Phase, die etwa vier bis sechs Wochen dauert, kann es dadurch zu weiteren (sekundĂ€ren) Infektionen kommen.cite-ref-koehler-92-0[92]
Die Körperabwehr beruht vor Beginn des Exanthems vor allem auf dem zellulĂ€ren Immunsystem (zytotoxische T-Lymphozyten, natĂŒrliche Killerzellen). Patienten mit einer verminderten ImmunitĂ€t, die auf einer SchwĂ€chung dieses Teils des Immunsystems beruht, haben ein hohes Risiko fĂŒr eine Maserninfektion, die einen schweren Verlauf nehmen kann. Eine ImmunschwĂ€che, die sich auf den Bereich des humoralen Immunsystems beschrĂ€nkt, fĂŒhrt hingegen nicht zu einem erhöhten Erkrankungsrisiko. FĂŒr die Entwicklung der typischen Rachenrötung (das von dem spĂ€teren Gerichtsmediziner Wilhelm Reubold (1827â1917), einem Doktoranden von Franz von Rinecker, 1854cite-ref-93[93] erstmals beschriebene Enanthem, als Koplik-Flecken oder Kopliksche Flecken benannt nach dem Kinderarzt Henry Koplik (1858â1927) vom Mount Sinai Hospital in New York)cite-ref-94[94] sowie Hautrötung (Exanthem, s. u.) spielen Immunreaktionen in kleinen BlutgefĂ€Ăen (Kapillaren) eine wichtige Rolle. Daher können diese Zeichen bei immungeschwĂ€chten Patienten fehlen (weiĂe Masern), obwohl ein schwerer Krankheitsverlauf vorliegt. Mit Beginn des Exanthems setzt die Bildung von Antikörpern ein, zuerst der Klasse IgM, spĂ€ter auch von IgG.cite-ref-koehler-92-1[92]
Krankheitsbild
Symptome und Krankheitsverlauf
Typisch fĂŒr die Masern ist ein zweiphasiger Krankheitsverlauf: Auf die Inkubationszeit von 8 bis 10 Tagen folgt das drei bis sieben Tagecite-ref-rki-ratgebermasern-95-0[95] dauernde, uncharakteristische Prodromalstadium, auch Initialstadium genannt. Dieses Ă€uĂert sich durch eine EntzĂŒndung der SchleimhĂ€ute des oberen Atemtraktes (Katarrh mit Rhinitis), teilweise auch des mittleren Atemtraktes als trockene Bronchitis, sowie der AugenbindehĂ€ute (Konjunktivitis). Das Beschwerdebild in diesem Krankheitsstadium wird daher auch mit den Worten âverrotzt, verheult, verschwollenâ beschrieben. Dazu kann es zu Fieber bis 41 °C, Ăbelkeit, Halsschmerzen und Kopfschmerzen kommen. Die nur bei Masern vorkommenden Koplikflecken an der Wangenschleimhaut gegenĂŒber den vorderen BackenzĂ€hnen (PrĂ€molaren) sind eher selten zu beobachten und werden von manchen Autoren zu den atypischen Zeichen einer Maserninfektion gezĂ€hlt.cite-ref-96[96] Diese weiĂen, kalkspritzerartigen Flecken auf gerötetem Untergrund sind 1â2 mm groĂ und treten kurz vor dem Erscheinen des spĂ€teren Ausschlags auf.
Am 12. bis 13. Tag geht die Krankheit in das typische Exanthemstadium ĂŒber, das oft mit einer typischen Schleimhautrötung (Enanthem) am weichen Gaumen beginnt. Am 14. bis 15. Tag breitet sich ein fleckig-knotiger (makulo-papulöser), zum Teil konfluierender, groĂfleckiger Ausschlag (Exanthem) â typischerweise hinter den Ohren (retroaurikulĂ€r) beginnend â innerhalb von 24 Stunden ĂŒber den ganzen Körper aus. Nach weiteren vier bis fĂŒnf Tagen bilden sich die Symptome in der Regel zurĂŒck. Als Ăberbleibsel des Exanthems kann eine kleieförmige Schuppung fĂŒr kurze Zeit bestehen bleiben. Begleitend treten hĂ€ufig Lymphknotenschwellungen (Lymphadenopathie) auf. Bei Erwachsenen verlĂ€uft die Krankheit oft schwerer als bei Kindern, obwohl es sich um die gleichen Symptome handelt. Da die Erkrankung bei Erwachsenen schwerer diagnostiziert wird, kommt es zu einer spĂ€ter einsetzenden Behandlung und daraus entstehenden Komplikationen, wie der Masernpneumonie.cite-ref-97[97]
Der Fieberverlauf der Erkrankung ist hÀufig zweigipflig, wobei der erste Gipfel wÀhrend des Prodromal-, der zweite wÀhrend des spÀteren Exanthemstadiums auftritt. Dazwischen kommt es oft zu einer kurzen Entfieberung. In unkomplizierten FÀllen folgt eine rasche Erholung und eine lebenslang anhaltende ImmunitÀt.cite-ref-harrsion-98-0[98]cite-ref-uptodate-clin-diag-99-0[99]
Untypische Verlaufsbilder
Untypische VerlĂ€ufe kommen in verschiedenen Situationen vor. SĂ€uglinge mit LeihimmunitĂ€t durch mĂŒtterliche Antikörper oder Patienten, die AntikörperprĂ€parate erhalten haben, erkranken an einer abgeschwĂ€chten Form der Erkrankung (mitigierte Masern).
Bei Personen mit ImmunschwĂ€che kann der Verlauf sehr unterschiedlich sein, so kann beispielsweise hier der typische Hautausschlag fehlen (weiĂe Masern). Zu dieser Gruppe zĂ€hlen Patienten mit angeborenen Defekten des zellulĂ€ren Immunsystems, HIV-Infektionen, bösartigen Tumoren oder immunsuppressiver Therapie. Sie haben ein hohes Risiko, an einem schweren und langwierigen Verlauf der Masern mit erhöhter Komplikations- und Sterblichkeitsrate zu erkranken.
Unter atypischen Masern versteht man eine schwere Verlaufsform, die bei Patienten nach der Impfung mit einem formalininaktivierten Impfstoff auftrat, wenn sie spĂ€ter mit einem Wildtyp-Masernvirus konfrontiert wurden. Diese Impfstoffe wurden in den USA und Kanada in den 1960er Jahren benutzt. Neben der sehr ausgeprĂ€gten Symptomatik, die meist nicht in der typischen Reihenfolge verlief, traten PleuraergĂŒsse, LeberentzĂŒndungen und Ădeme der Arme und Beine auf. Trotz der Schwere des Krankheitsbildes war die Prognose gut, die Patienten erholten sich vollstĂ€ndig.cite-ref-harrsion-98-1[98]
Komplikationen
WĂ€hrend zwei Drittel der Erkrankungen unkompliziert verlĂ€uft, treten bei etwa 20â30 % der FĂ€lle zusĂ€tzliche Begleiterscheinungen und Komplikationen auf, wobei Durchfall (in 8 % der KrankheitsfĂ€lle), MittelohrentzĂŒndungen (7 %) und LungenentzĂŒndungen (6 %) die hĂ€ufigsten sind.cite-ref-pinkbook-100-0[100] Daneben gibt es eine Vielzahl weiterer Komplikationen.
Ăber die Sterblichkeitsrate gibt es verschiedene Angaben. Das Robert Koch-Institut nennt eine LetalitĂ€t von 1:1000.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-1[95] Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC geht von einer Sterblichkeit von 1:500 bis 1:1000 aus.cite-ref-surv-101-0[101] Das Zentrum fĂŒr PrĂ€vention und Kontrolle von Krankheiten der EU berechnet eine Sterblichkeit von 3:1000.cite-ref-102[102] In EntwicklungslĂ€ndern liegt die Todesrate wesentlich höher, teilweise bei bis zu 25 %.cite-ref-uptodate-epid-12-4[12] LungenentzĂŒndungen sind die am hĂ€ufigsten zum Tode fĂŒhrenden Komplikationen.
Masernpneumonie
Unter einer primĂ€ren Masernpneumonie wird eine LungenentzĂŒndung mit dem Verlaufsbild einer interstitiellen Pneumonie mit EntzĂŒndung der kleinen Bronchien (Bronchiolitis) verstanden, die sich hauptsĂ€chlich als Atemstörung (Dyspnoe) Ă€uĂert. Mittels körperlicher Untersuchung ist sie schwer zu diagnostizieren, so dass eine Röntgenaufnahme erforderlich ist.
Das Epithel des respiratorischen Systems wird durch das Masernvirus direkt geschĂ€digt, dabei wird ein Verlust von FlimmerhĂ€rchen (Cilien) beobachtet. Diese SchĂ€den stellen eine PrĂ€disposition fĂŒr bakterielle Infekte dar (bakterielle Superinfektionen). Eine solche Infektion tritt, insbesondere nach oder bei einer gleichzeitigen interstitiellen Viruspneumonie, als Bronchopneumonie auf. Sie ist aber durch die masernbedingte AbwehrschwĂ€che (s. o.) auch isoliert möglich.
Eine seltene Form der viralen Pneumonie ist die Riesenzellpneumonie mit vielkernigen, von den Alveolarepithelien abstammenden Riesenzellen (Hecht-Riesenzellen), die typisch fĂŒr Masern und Keuchhusten ist, selten jedoch auch bei Diphtherie oder Grippe vorkommt. Sie tritt vor allem bei geschwĂ€chten Patienten auf und hat eine schlechte Prognose.
Meningoenzephalitis
Die EntzĂŒndung des Gehirns und seiner HĂ€ute (Meningoenzephalitis) ist selten (bei 0,1 % der Erkrankungen), verlĂ€uft jedoch in 10â20 % der FĂ€lle tödlich. In weiteren 20â30 % bleiben dauerhafte SchĂ€digungen des Gehirns zurĂŒck.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-2[95]
Die Meningoenzephalitis kann sich vier bis sieben Tagecite-ref-rki-ratgebermasern-95-3[95] nach Exanthembeginn entwickeln, bei Patienten ĂŒber sechs Jahren hĂ€ufiger als bei Kleinkindern. Sie manifestiert sich mit Fieber, Kopfschmerz, meningealer Reizung (Nackensteifigkeit, Erbrechen) sowie Bewusstseinsstörungen bis zum Koma. Schwere Verlaufsformen Ă€uĂern sich in epileptischen AnfĂ€llen und anderen neurologischen Funktionsstörungen. Bei der Lumbalpunktion zeigt das gewonnene Hirnwasser eine Zellvermehrung (Pleozytose) und eine erhöhte Proteinkonzentration. Nach EinfĂŒhrung der Masernimpfung sank das Vorkommen der durch Masern ausgelösten Meningoenzephalitis kontinuierlich und liegt in Deutschland bei weniger als zehn FĂ€llen im Jahr.
Bei Kindern mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten kann es in seltenen FĂ€llen zu einer besonderen Form der GehirnentzĂŒndung durch Masernviren kommen (âEinschlusskörperchenenzephalitisâ, measles inclusion-body encephalitis, MIBE, von englisch measles fĂŒr âMasernâ). Diese Komplikation manifestiert sich meist innerhalb eines Jahres nach Maserninfektion mit schwer behandelbaren fokalen KrampfanfĂ€llen und endet in der Regel innerhalb von wenigen Monaten tödlich.cite-ref-103[103] Die Diagnose kann durch eine Gewebeprobeentnahme aus dem Gehirn (Biopsie) gestellt werden. Es sind auch FĂ€lle beschrieben worden, die durch das Impfvirus verursacht wurden.cite-ref-104[104] Menschen mit bestimmten schweren angeborenen oder erworbenen Immundefekten dĂŒrfen daher nicht gegen Masern geimpft werden.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-4[95]
Subakute sklerosierende Panenzephalitis
Die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) ist eine SpĂ€tkomplikation nach Maserninfektion, die eine generalisierte EntzĂŒndung des Gehirns mit Nerven-Entmarkung (Demyelinisierung) und schwersten SchĂ€den nach sich zieht und in mehr als 95 % der FĂ€lle tödlich endet.cite-ref-105[105] Die Entstehung der SSPE ist nicht vollstĂ€ndig geklĂ€rt. Eine Rolle scheinen dabei Mutationen der Proteine der VirushĂŒlle zu spielen, insbesondere bei den AminosĂ€uren an den Positionen 64 (Pro), 89 (Glu) und 209 (Ala) des M-Proteins (sogenanntes PEA-Motiv).cite-ref-uptodate-clin-diag-99-1[99]cite-ref-kweder-106-0[106]cite-ref-107[107] Gerade das Ala209 ist fĂŒr eine gesteigerte Virenausbreitung innerhalb des Körpers verantwortlich. In Impfviren sowie LaborstĂ€mmen tritt dieses Motiv nicht auf, an den jeweiligen Positionen wurden folgende AminosĂ€uren identifiziert: Ser, Lys bzw. Thr (sog. SKT-Motiv).cite-ref-kweder-106-1[106]cite-ref-pmid29985487-108-0[108] Dies könnte erklĂ€ren, warum man in Gewebeproben SSPE-infizierter Gehirne ausschlieĂlich Masern-Wildviren nachgewiesen hat und nicht Masern-Impfviren; auĂerdem gibt es keine Evidenzen dafĂŒr, dass eine Masernimpfung eine SSPE verursachen oder beschleunigen könnte.cite-ref-109[109]cite-ref-pmid29985487-108-1[108]
Die Erkrankung tritt Monate bis zehn Jahre nach einer Maserninfektion auf, im Durchschnitt nach sieben Jahren. Der Verlauf ist langsam progredient ĂŒber ein bis drei Jahre â die SSPE zĂ€hlt zu den sog. Slow Virus Infections. In jeweils 10 % der FĂ€lle tritt ein akuter, schnellerer (3 bis 6 Monate) oder ein langsamerer Verlauf (lĂ€nger als drei Jahre) auf.
Es lassen sich vier Stadien der SSPE abgrenzen.cite-ref-pmid29985487-108-2[108] Das erste Stadium ist durch Reizbarkeit, Demenz, Lethargie, Sprachstörungen und RĂŒckgang sozialer Interaktionen gekennzeichnet, das zweite durch Störungen der Motorik wie Dyskinesie, Dystonie und MuskelkrĂ€mpfe (Myoklonien). Im dritten Stadium manifestieren sich ein extrapyramidales Syndrom, spastische LĂ€hmungen sowie ein Dezerebrationssyndrom, bei dem das GroĂhirn stark geschĂ€digt ist. Im EEG finden sich typische VerĂ€nderungen, die wegweisend fĂŒr die SSPE sind (Radermecker-Komplex). Im letzten Stadium kommt es zu FunktionsausfĂ€llen der GroĂhirnrinde, was zu einem Wachkoma, einem akinetischen Mutismus, dem Ausfall vegetativer Funktionen (wie z. B. Atmung, Puls, Blutdruck) und schlieĂlich zum Tode fĂŒhrt.
Die HĂ€ufigkeit der SSPE wurde frĂŒher mit 5 bis 10 pro 1 Million MasernfĂ€llen angegeben. Die neuere Literatur geht jedoch von einer HĂ€ufigkeit von etwa 1:1.000cite-ref-110[110] bis 1:5.000 oder 1:10.000 Infizierten aus, bei Kindern unter 5 Jahren liegt das Risiko bei 2 bis 6:10.000.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-5[95]cite-ref-111[111] Auswertungen aus Kalifornien haben sogar ein Risiko von 1:1367 fĂŒr Kinder unter 5 Jahren und von 1:609 fĂŒr Kinder unter einem Jahr ergeben.cite-ref-misin-112-0[112] Die absolute HĂ€ufigkeit der SSPE ist durch die Masernimpfung seit den 1980er Jahren deutlich reduziert worden.
Die SSPE tritt in den meisten FĂ€llen bei Kindern oder Jugendlichen auf, die vor ihrem zweiten Lebensjahr die Masern durchgemacht hatten. Da Kinder erst ab dem 12. Lebensmonat gegen Masern geimpft werden können, liegt die einzige Möglichkeit, Kleinkinder unter 12 Monaten vor den Masern zu schĂŒtzen, in der Expositionsprophylaxe, d. h. in der Vermeidung des Umgangs mit potentiell infektiösen, d. h. ungeimpften Personen.
SSPE wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zunĂ€chst als seltene neurologische Erkrankung (sporadisch auftretende Enzephalitis mit subakutem Verlauf) beschrieben.cite-ref-morrow-113-0[113] Mikroskopisch wurden durch die Arbeit von James R. Dawson 1933cite-ref-114[114] die SSPE-assoziierten sichtbaren VerĂ€nderungen beobachtet, eine virale Ursache wurde vermutet.cite-ref-morrow-113-1[113] Die Bezeichnung âSSPEâ fiel erstmals 1939.cite-ref-115[115] Durch die Arbeiten von John H. Connolly und Mitarbeitern von 1967cite-ref-116[116] wurde schlieĂlich die Rolle des Masernvirus bei SSPE identifiziert.
SchwÀchung des Immunsystems
Masern gelten als die als erste beschriebene immunsuppressive Erkrankung.cite-ref-moss-117-0[117] Die Masernviren verbreiten sich besonders im lymphatischen System. So dringen sie in einige Zellen des Immunsystems ein, vor allem in Lymphozyten, Monozyten, Makrophagen und dendritische Zellen. Dadurch kommt es zunĂ€chst in der akuten Phase der Erkrankung zu einer Immunsuppressioncite-ref-laksono-86-2[86] mit Lymphopenie in Form eines manchmal drastischen Abfalls der Menge im Blut zirkulierender T- und B-Zellen. Damit werden Masernkranke kurz nach der Maserninfektion anfĂ€lliger fĂŒr andere bakterielle oder virale Krankheitserreger.
AuĂerdem befallen Masernviren auch die GedĂ€chtniszellen des Immunsystems. Dadurch kann die ImmunitĂ€t gegenĂŒber anderen Krankheiten auch mittelfristig verloren gehen oder beeintrĂ€chtigt werden (âImmunamnesieâ).cite-ref-118[118] Das AusmaĂ der Löschung des körpereigenen ImmungedĂ€chtnisses variiert von Person zu Person und es kann zwei bis drei Jahre dauern, bis sich die körpereigene Abwehr erholt hat. Nach einer Maserninfektion kommt es in dieser Zeit zu hĂ€ufigeren Infektionen durch andere Erreger. Die MortalitĂ€t ist aufgrund der verlorenen ImmunogenitĂ€t bis zu drei Jahre nach einer durchgemachten Maserninfektion erhöht. Masernimpfungen dagegen fĂŒhren in Regionen, in denen der Schutz vor anderen Erkrankungen mangels Ressourcen nur eingeschrĂ€nkt möglich ist, vor allem EntwicklungslĂ€ndern, zu einem starken RĂŒckgang dieser Krankheiten.cite-ref-119[119]cite-ref-moss-117-1[117]
Im Oktober 2019 wurde die Erkenntnis, dass nach einer durchgemachten Maserninfektion entgegen frĂŒherer Annahmen das menschliche Immunsystem eher geschwĂ€cht anstelle gestĂ€rkt wird, in einer Studiecite-ref-120[120] des britischen Sanger Instituts erneut bestĂ€tigt. Masernviren zerstören demnach B-GedĂ€chtniszellen, die bei einer Infektion Antikörper produzieren. Dieses fĂŒhrt zu dem ImmungedĂ€chtnisverlust und schwĂ€cht die Abwehr gegen andere Krankheiten. Im Gegensatz dazu lösen die abgeschwĂ€chten Masernviren, die im Rahmen einer Schutzimpfung injiziert werden, diesen ImmungedĂ€chtnisverlust nicht aus.cite-ref-121[121]cite-ref-122[122]
Konjunktivitis
Auch eine BindehautentzĂŒndung, gelegentlich assoziiert mit einer EntzĂŒndung der Hornhaut (Keratitis) des Auges mit multiplen, punktförmigen, epithelialen LĂ€sionen, kann als Komplikation der Maserninfektion auftreten.cite-ref-misin-112-1[112] In EntwicklungslĂ€ndern sind die Masern eine der hĂ€ufigsten Ursachen fĂŒr Erblindungen von Kindern, besonders im Zusammenhang mit Vitamin-A-Mangel und/oder ImmunschwĂ€cheerkrankung infolge von HIV oder anderen Krankheiten.cite-ref-who-measles-123-0[123]
Weitere Komplikationen
Durch eine KehlkopfentzĂŒndung mit Schwellung der Schleimhaut kommt es zu Heiserkeit und Atemnot bereits im Vorstadium (vgl. Pseudokrupp), dies wird als âMasernkruppâ bezeichnet. Weitere Komplikationen sind die WurmfortsatzentzĂŒndung (Appendizitis), LeberentzĂŒndung (Hepatitis) oder generalisierte Lymphknotenschwellung (Lymphadenitis). Selten sind eine HerzmuskelentzĂŒndung (Myokarditis), NierenentzĂŒndung (Glomerulonephritis) oder ein Abfall der BlutplĂ€ttchen (thrombozytopenische Purpura).cite-ref-uptodate-clin-diag-99-2[99]
Diagnose
Die Diagnose anhand des Krankheitsbildes, insbesondere des âtypischenâ Masernexanthems, ist aufgrund des zunehmend selteneren Vorkommens und untypischer Verlaufsbilder mit einer groĂen FehlerhĂ€ufigkeit behaftet,cite-ref-merkblatt-rki-124-0[124] so dass zusĂ€tzliche Untersuchungen notwendig sind, um die Krankheit sicher diagnostizieren zu können. Im Epidemiefall kann die Diagnose dennoch hĂ€ufig klinisch gestellt werden, insbesondere von erfahrenen Untersuchern.cite-ref-125[125]cite-ref-126[126]
Die sicherste und praktikabelste Methode zur Sicherung der Diagnose ist der Nachweis von Viruserbgut mittels RT-PCR. Diese sollte binnen einer Woche nach Beginn des Hautausschlags aus einem Rachenabstrich oder Urin erfolgen. Ein negatives Ergebnis schlieĂt die Erkrankung aber nicht sicher aus. Der serologischen Nachweis von IgM-Antikörpern aus einer Blutprobe, zeigt eine frische Infektion an. Dieser Antikörper kann aber bei rund einem Drittel der Patienten an Tag eins bis drei nach Beginn des Ausschlags noch negativ sein. Bei Geimpften kommt es nicht regelhaft zu einer Bildung von nachweisbaren IgM-Antikörpern, aber zu einem Anstieg der durch Impfung oder durchgemachte Erkrankung induzierten IgG-Antikörper. Hier gilt ein vierfacher Anstieg des Antikörpertiters bei einem Probenintervall von zehn bis vierzehn Tagen als beweisend. Auch kann eine Untersuchung der BindungsstĂ€rke der IgG-Antikörper bei Impfversagern eine Sicherung der Diagnose ermöglichen. Die Referenzdefintion des RKI ist aber erst bei Nachweis mittels PCR erfĂŒllt, hier sollte die Probe binnen fĂŒnf Tagen nach Exanthembeginn erfolgen. Eine Unterscheidung zwischen Impfmasern und einer akuten Infektion mit dem Wildtypvirus ist bei einer positiven RT-PCR-Untersuchung möglich.cite-ref-127[127]cite-ref-128[128]
Der Erregernachweis im Liquor kommt nur bei Verdacht auf eine Masern-Enzephalitis in Frage; aufgrund der InstabilitĂ€t der Virus-RNA im Liquor schlieĂt ein negativer PCR-Befund die Masernenzephalitis nicht aus. Bei Verdacht auf eine SSPE ist meist nicht der direkte Erregernachweis erfolgreich, sondern der Nachweis von Masern-IgM im Liquor.
Neben der spezifischen Virusdiagnostik der Masern fallen bei Blutuntersuchungen (Labordiagnostik) eine Verminderung der weiĂen Blutkörperchen (Leukopenie), insbesondere der Lymphozyten (Lymphopenie) und der eosinophilen Granulozyten (Eosinopenie), sowie eine vorĂŒbergehende Verminderung der BlutplĂ€ttchen (Thrombozytopenie) auf. Bei Infektionen des Gehirns findet man eine erhöhte EiweiĂkonzentration sowie vermehrt Lymphozyten (lymphozytĂ€re Pleozytose) im Hirnwasser (Liquor).
Differenzialdiagnose
Differenzialdiagnostisch kommen bei der klinischen Diagnose am ehesten Scharlach und Röteln in Betracht. Bei Scharlach beginnt der eher feinfleckige Ausschlag in der Leisten- oder Achselregion und steigt von dort zum Kopf auf, wo er das Mund-Kinn-Dreieck auslĂ€sst. Typisch ist auch die sogenannte Himbeerzunge und eine Pharyngitis (RachenentzĂŒndung). Die Röteln zeigen meist ein nur mildes Krankheitsbild mit mĂ€Ăigem Fieber und einem schwachen, nichtkonfluierenden Exanthem an Hals und Brust. Hier ist eine starke Schwellung der im Nacken gelegenen Lymphknoten typisch. Neben diesen Erkrankungen kommen auch Ringelrötelncite-ref-129[129], Pfeiffer-DrĂŒsenfieber, Toxoplasmose, Infektionen mit Mykoplasmen, das Kawasaki-Syndrom und Arzneimittelallergien in Frage. Durch den Nachweis spezifischer Antikörper bei Vorhandensein von anti-Masern-IgM-Antikörpern lassen sich diese Krankheiten ausschlieĂen.
Meldepflicht, Benachrichtigungpflicht usw.
In Deutschland sind seit 2001 laut § 6 Infektionsschutzgesetz (IfSG) der Krankheitsverdacht, die Erkrankung an und der Tod durch Masern namentlich meldepflichtig; ebenso nach § 7 IfSG der direkte oder indirekte Nachweis des Masernvirus, soweit der Nachweis auf eine akute Infektion hinweist. Zudem ist auch die Erkrankung oder der Tod an einer SSPE infolge einer Maserninfektion meldepflichtig (§ 6 Absatz 2 Satz 1 IfSG). Leiter von Gemeinschaftseinrichtungen sind bei Kenntnis von ErkrankungsfĂ€llen nach § 34 Absatz 6 IfSG zur Benachrichtigung an das Gesundheitsamt verpflichtet. Bei Krankheitsverdacht oder tatsĂ€chlicher Erkrankung besteht TĂ€tigkeits- und Aufenthaltsverbot in Gemeinschaftseinrichtungen (§ 34 Absatz 1 IfSG), dies gilt auch fĂŒr Personen, in deren Wohngemeinschaft nach Ă€rztlichem Urteil eine Erkrankung an oder ein Verdacht auf Masern aufgetreten ist (§ 34 Absatz 3 IfSG).
In Ăsterreich besteht Anzeigepflicht seit Dezember 1997 (BGBl. II Nr. 456/2001 Verordnung: Anzeigepflichtige ĂŒbertragbare Krankheiten, nun nach § 1 Abs. 1 Ziffer 1 Epidemiegesetz 1950). Die Anzeigepflicht bezieht sich auf Verdachts-, Erkrankungs- und TodesfĂ€lle. Zur Anzeige verpflichtet sind unter anderem Ărzte und Labore (§ 3 Epidemiegesetz 1950).
In der Schweiz sind Masern seit MĂ€rz 1999 meldepflichtig (Melde-Verordnung, SR 818.141.1, nun nach Nummer 30 von Anhang 1 der Verordnung des EDI ĂŒber die Meldung von Beobachtungen ĂŒbertragbarer Krankheiten des Menschen). Meldepflichtig ist der klinische Verdacht aufgrund einer Symptom-Trias (1. Fieber, 2. makulopapulöses Exanthem, 3. Husten, Rhinitis oder Konjunktivitis).
Therapie
Eine spezifische antivirale Therapie gegen das Masernvirus existiert nicht.cite-ref-henke-gendo-130-0[130] In der akuten Krankheitsphase soll Bettruhe eingehalten werden. Als symptomatische Therapie können fiebersenkende Medikamente (Antipyretika) und Hustenmittel (Antitussiva) eingesetzt werden. Da der Körper bei Fieber einen erhöhten FlĂŒssigkeitsbedarf hat, sollte unbedingt viel getrunken werden. Bakterielle Superinfektionen (SekundĂ€rinfektionen) wie eine Mittelohr- (Otitis media) oder LungenentzĂŒndung (Pneumonie) werden mit Antibiotika behandelt.cite-ref-henke-gendo-130-1[130]
Bei Kindern im Alter von 6 Monaten bis 5 Jahren, insbesondere bei Kindern unter 2 Jahren, zeigten verschiedene Studien in EntwicklungslĂ€ndern einen gĂŒnstigen Effekt der Gabe von Vitamin A auf die Komplikationsrate (Erblindung oder AugenschĂ€den) und Sterblichkeit bei vorliegendem Vitamin-A-Mangel.cite-ref-misin-112-2[112]cite-ref-131[131] Der Mechanismus der Wirkung ist noch nicht ganz geklĂ€rt; Vitamin A fördert den Zellaustausch von Epithelzellen insbesondere der Atmungswege und des Verdauungstraktes.cite-ref-misin-112-3[112] Die WHO empfiehlt eine zweimalige Vitamin-A-Gabe im Krankheitsfall.cite-ref-who-measles-123-1[123] Wiederholte Gaben von 200.000 IE zeigen klinische Effekte.cite-ref-misin-112-4[112] Untersuchungen ĂŒber eine Vitamin-A-Therapie in westlichen IndustrielĂ€ndern existieren nicht. Die Empfehlungen des Robert Koch-Institutes enthalten keine Vitamin-Gabe.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-6[95]cite-ref-uptodate-treat-132-0[132] Zur PrĂ€vention dagegen eignen sich Vitamin-A-Gaben nicht, hierfĂŒr sind nur Schutzimpfungen effektiv.cite-ref-133[133]
Das Virostatikum Ribavirin ist in vitro gegen das Masernvirus wirksam; Studien zur Anwendung beim Menschen fehlen, es liegen nur einzelne Fallberichte vor, in denen eine Ribaviringabe (ggf. zusammen mit Interferon α)cite-ref-misin-112-5[112] von Nutzen war.cite-ref-uptodate-treat-132-1[132]cite-ref-134[134]cite-ref-135[135] Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr PĂ€diatrische Infektiologie gibt an, dass bei Immunsupprimierten mit schwerem Krankheitsverlauf in EinzelfĂ€llen eine antivirale Therapie mit Ribavirin in Kombination mit Immunglobulinen erwĂ€genswert sei.
Gemeinschaftseinrichtungen dĂŒrfen wĂ€hrend der Erkrankung nicht besucht werden (s. u.). Durch die passive oder aktive Impfung nach Exposition kann die Krankheit unter UmstĂ€nden gemildert oder verhindert werden (Postexpositionsprophylaxe, s. u.).
Vorbeugung
QuarantÀne
Nach dem deutschen Infektionsschutzgesetz (IfSG) aus dem Jahr 2001 dĂŒrfen Infizierte so lange keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen, bis sie nach Abklingen der Erkrankung keine Viren mehr absondern und keine weiteren Personen mehr infizieren können. Unter Gemeinschaftseinrichtungen werden unter anderen Institutionen verstanden, in denen ĂŒberwiegend SĂ€uglinge, Kinder oder Jugendliche betreut werden, wie Kinderkrippen, KindergĂ€rten, KindertagesstĂ€tten, Kinderhorte, Schulen oder sonstige Ausbildungseinrichtungen, auĂerdem Heime und Ferienlager. Dieselbe Regelung gilt auch fĂŒr die BeschĂ€ftigten dieser Einrichtungen (§ 34 des Infektionsschutzgesetzes). In anderen LĂ€ndern bestehen vergleichbare Regelungen. Sogenannte âMasernpartysâcite-ref-136[136] â organisierte Treffen, bei denen nicht gegen Masern geimpfte Kinder sich bei Kindern, die akut an Masern erkrankt sind, anstecken sollen â sind strafrechtlich relevant.cite-ref-137[137]
FĂŒr KrankenhĂ€user und Pflegeeinrichtungen in Deutschland gilt die Empfehlung der Kommission fĂŒr Krankenhaushygiene und InfektionsprĂ€vention (KRINKO), nach der Infizierte bis vier Tage nach Beginn des Ausschlags isoliert werden sollen, immunsupprimierte Patienten fĂŒr die gesamte Dauer der Symptomatik.cite-ref-138[138]
Impfung
Die Impfung gegen Masern gilt als die effektivste Methode, um das Auftreten der Krankheit zu verhindern.cite-ref-moss-117-2[117] Vor EinfĂŒhrung von Masernimpfungen erkrankten etwa 95â98 % aller Kinder unter 18 Jahren an Masern.cite-ref-perryhalsey-59-1[59] Durch Impfungen wurden die Masern-TodesfĂ€lle von 2000 bis 2015 geschĂ€tzt um 79 % gesenkt.cite-ref-moss-117-3[117] Impfen ist grundsĂ€tzlich mit einem Einzelimpfstoff möglich, dies wird vor allem in Afrika oder auch Russland gemacht.cite-ref-misin-112-7[112] In Deutschland, Europa und Nordamerika wird dies in aller Regel als Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) oder Masern-Mumps-Röteln-Windpocken-Impfung (MMRV) mit einem Kombinationsimpfstoff durchgefĂŒhrt.
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Hauptartikel
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Masernimpfstoff
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Hauptartikel
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MMR-Impfstoff
Das Robert-Koch-Institut teilt in diesem Zusammenhang mit, dass ein â⊠Kombinationsimpfstoff ⊠grundsĂ€tzlich nicht schlechter vertrĂ€glich ist als ein Einzelimpfstoffâ.cite-ref-139[139] Es handelt sich bei der Masernimpfung um einen abgeschwĂ€chten Lebendimpfstoff, der nach einmaliger Impfung bei 95 % der Kinder einen ausreichenden Schutz gegen Masern bewirkt.cite-ref-140[140] Da bei einer Durchimpfungsrate von weniger als 95 % mit sporadischen Masernepidemien in mehrjĂ€hrigen AbstĂ€nden zu rechnen ist, mĂŒssen mit einer zweiten Impfung, frĂŒhestens vier Wochen nach der ersten, ImpflĂŒcken geschlossen werden, um âImpfversagernâ (Non-Responder) den entsprechenden Impfschutz zu gewĂ€hren. Daher wurde im Falle von Masern eine Zweitimpfung empfohlen.cite-ref-141[141] Umfangreiche Untersuchungen zeigen, dass ein exzellenter Schutz gegen Masern durch zwei Impfungen ermöglicht wird.cite-ref-142[142]cite-ref-143[143] Nach einer zweifachen MMR-Impfung entwickeln ĂŒber 99 % eine lebenslange ImmunitĂ€t, die durch einen Titer-unabhĂ€ngigen Nachweis von Masern-IgG festgestellt werden kann. Die MMR-Impfung kann mit weiteren Impfungen kombiniert werden. Zu einer nachhaltigen SchwĂ€chung des Immunsystems, wie bei einer Masernerkrankung, kommt es bei der Impfung nicht.
Gegenanzeigen zu einer Impfung sind akute Infekte, HIV-positive und andere immungeschwÀchte Patienten (z. B. Kortikosteroid-Therapie, LeukÀmie), Schwangerschaft sowie eine Gelatineallergie oder ein Abfall der BlutplÀttchen (Thrombozytopenie) in der Vergangenheit. Im Fall eines Kontaktes mit Masernviren werden bei diesen Gegenanzeigen Immunglobuline als Postexpositionsprophylaxe gespritzt.cite-ref-uptodate-treat-132-2[132]
Nach dem Impfkalender der StĂ€ndigen Impfkommission am Robert Koch-Institut ist die erste MMR-Impfung bei allen Kindern zwischen dem vollendeten 11. und 14. Lebensmonat, die zweite im Alter von 15 bis 23 Monaten vorgesehen. Seit dem Sommer 2006 ist auĂerdem ein Kombinationsimpfstoff zugelassen, der zusĂ€tzlich eine Windpockenkomponente enthĂ€lt und damit den Impfplan weiter vereinfacht. Auch dieser Impfstoff wird zu denselben Zeiten zweimalig verabreicht.cite-ref-stiko-144-0[144] âEs ist dafĂŒr Sorge zu tragen, dass die zweite MMR-Impfung so frĂŒh wie möglich, spĂ€testens jedoch bis zum vollendeten 18. Lebensjahr nachgeholt wird; bei MĂ€dchen wird damit auch der unverzichtbare Schutz vor einer Rötelnembryopathie gesichert.âcite-ref-stiko-144-1[144] Im Jahr 2012 waren in Deutschland 92,4 Prozent der neu eingeschulten Kinder zweifach gegen Masern geimpft.cite-ref-bull16-2014-145-0[145]
In Ăsterreich werden zwei Teilimpfungen gegen Masern-Mumps-Röteln ab dem vollendeten 9. Lebensmonat mit einem Mindestabstand von vier Wochen empfohlen. Bei Schuleintritt bzw. mit vollendetem 12. Lebensjahr soll der Impfstatus (Impfpass) kontrolliert werden. Fehlende Impfungen können in jedem Lebensalter kostenlos nachgeholt werden.cite-ref-146[146] Eine Erhebung des Gesundheitsministeriums aus 2016 ergab, dass ĂŒber 95 Prozent der 6-jĂ€hrigen Kinder zumindest einmal gegen Masern geimpft sind. Bei den 2- bis 5-jĂ€hrigen Kindern betrĂ€gt die Durchimpfungsrate jedoch nur 92 Prozent, zudem sind etwa 10 Prozent davon nur einfach anstatt zweimal geimpft.cite-ref-147[147]cite-ref-who-impf-148-0[148]
Die Empfehlungen des Bundesamtes fĂŒr Gesundheit und der Schweizerischen Kommission fĂŒr Impffragen sehen zwei MMR-Impfungen im Alter von 12 und 15â24 Monaten vor.cite-ref-149[149] Die WHO schĂ€tzt die Impfquote in der Schweiz fĂŒr 2006 auf 86 % fĂŒr die Erstimpfung und 70 % fĂŒr die Zweitimpfung.cite-ref-who-impf-148-1[148]
Steht bei einem Kind die Aufnahme in eine Kindereinrichtung an, kann die MMR-Impfung auch vor dem zwölften Lebensmonat, jedoch nicht vor dem neunten Lebensmonat erfolgen, da im ersten Lebensjahr im Blut des SĂ€uglings noch vorhandene mĂŒtterliche Antikörper die Impfviren neutralisieren können. Auch wenn von Eltern oder Impflingen angegeben wird, dass eine Masern-, Mumps- oder Rötelnerkrankung bereits durchgemacht wurde, wird die DurchfĂŒhrung der MMR-Impfung empfohlen. Anamnestische Angaben ĂŒber eine Masern- oder Rötelnerkrankung sind ohne mikrobiologisch-serologische Dokumentation der Erkrankungen unzuverlĂ€ssig und nicht verwertbar. Eine serologische Untersuchung auf masernspezifische IgG-Antikörper vor der zweiten Impfung und der Verzicht auf dieselbe bei ausreichendem Titer ist möglich, alle aktuellen Impfempfehlungen sehen allerdings eine routinemĂ€Ăige zweite Impfung ohne vorherige Diagnostik vor.
Die Impfung schĂŒtzt nicht nur den gröĂten Teil der Geimpften, sondern durch die HerdenimmunitĂ€t auch Neugeborene und SĂ€uglinge vor der ersten Impfung oder Impfversager und Immunsupprimierte, die nicht geimpft werden können. Eine wirksame Impfung schĂŒtzt idealerweise nicht nur den Einzelnen, sondern hat auch eine soziale Dimension. Um Masern auszurotten, ist eine Impfquote von ĂŒber 95 % der Bevölkerung erforderlich.cite-ref-150[150] WĂ€hrend dieses Ziel in Amerika bereits 2016 erreicht wurde,cite-ref-151[151] sind Masern in Europa in 11 von 53 LĂ€ndern endemisch.cite-ref-152[152]
In der Literatur wird eine dritte MMR(V)-Impfung diskutiert, dafĂŒr bedarf es noch weiterer Studien.cite-ref-pietrantonj-153-0[153]
Impfpflicht
Seit 1. MĂ€rz 2020 besteht laut § 20 Abs. 8 Infektionsschutzgesetz in Deutschland fĂŒr Kinder und BeschĂ€ftigte im Bildungs- und Gesundheitswesen eine Impfpflicht gegen Masern.cite-ref-154[154]cite-ref-155[155] Diese Impfpflicht ist laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 18. August 2022 verfassungskonform.cite-ref-156[156]
Personen, die vor 1970 geboren wurden, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit die Masern durchgemacht und benötigen keine Impfung.cite-ref-157[157]
Die in Tschechien geltende buĂgeldbewehrte Impfpflicht gegen neun bekannte Kinderkrankheiten wie Masern, Röteln und Mumps verstöĂt nach Auffassung des EuropĂ€ischen Gerichtshofs fĂŒr Menschenrechte (EGMR) nicht gegen das Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens aus Art. 8 EMRK.cite-ref-158[158]cite-ref-159[159]cite-ref-160[160]
Impfreaktionen und -komplikationen
| Symptom/Erkrankung | Komplikationsrate bei Masern-Erkrankung | Komplikationsrate nach MMR-Impfung |
|---|---|---|
| Exanthem | 98 % | 5 %, abgeschwÀcht |
| Fieber | 98 %, meist hoch | 3 % bis 5 %, sehr selten hoch |
| FieberkrÀmpfe | 7 bis 8 % | †1 % |
| Abfall der BlutplÀttchen | 1/3.000 | 1/30.000 bis 1/50.000 |
| Enzephalitis | 1/1.000 bis 1/10.000 | 0 [ 153 ] |
| LetalitÀt | 1/500 bis 3/1.000 | 0 |
Fieber, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und lokale Impfreaktionen wie Rötung, Schmerzen und Schwellungen an der Injektionsstelle können wie bei allen Impfungen vorkommen und stellen harmlose Nebenwirkungen dar. Schwerwiegendere Impfkomplikationen wie ausgeprĂ€gte allergische Reaktionen sind sehr selten. Bei der DurchfĂŒhrung der Impfung sollte jedoch Personal und AusrĂŒstung vorhanden sein, um auch eine solche Anaphylaxie behandeln zu können. Das Auftreten einer GehirnentzĂŒndung (Enzephalitis) oder Thrombozytopenie (Abfall der BlutplĂ€ttchenzahl) ist extrem selten, der Zusammenhang der beobachteten FĂ€lle mit der Impfung wird zudem kontrovers diskutiert.cite-ref-uptodate-treat-132-4[132] Das Risiko des Auftretens von FieberkrĂ€mpfen ist nach der Impfung leicht erhöht, jedoch ohne langfristige SchĂ€digungen.cite-ref-163[163]
Da es sich bei der Masernimpfung um eine Impfung mit einem abgeschwĂ€chten Lebendimpfstoff handelt, können in 3â5 % der FĂ€lle so genannte Impfmasern auftreten. Diese stellen eine milde Form der Masern dar und können die typischen Symptome zeigen, diese treten meistens in abgeschwĂ€chter Form auf. Die Impfmasern sind nicht infektiös.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-7[95]
Immer wieder wurden neue Nebenwirkungen von der Impfgegnerszene in den Raum gestellt. Die MutmaĂungen, dass Allergien, Asthma, Diabetes mellitus oder Morbus Crohn durch Impfungen ausgelöst wĂŒrden, konnten allesamt nicht bestĂ€tigt werden. Beispielsweise behauptete der ehemaligecite-ref-164[164] britische Chirurg Andrew Wakefield 1998 einen Zusammenhang zwischen der MMR-Impfung und dem Auftreten von Autismus. Es stellte sich jedoch heraus, dass Wakefield seine Untersuchungen gefĂ€lscht hatte. Die Angehörigen von Autismus-Betroffenen hatten Wakefield 3,5 Millionen britische Pfund dafĂŒr bezahlt. Wakefield hat mittlerweile ein Berufsverbot in GroĂbritannien, seine Veröffentlichungen wurden zurĂŒckgezogen (siehe auch der Wakefield-Fall). Dem postulierten Zusammenhang ist in der Zwischenzeit in einer Vielzahl von Studien als sehr unwahrscheinlich widersprochen worden.cite-ref-pietrantonj-153-2[153]cite-ref-165[165]cite-ref-166[166] In einer am 5. MĂ€rz 2019 veröffentlichten Studie aus DĂ€nemark wurde nach der Auswertung von 657.000 geimpften Kindern erneut der Zusammenhang zwischen einer Masernimpfung und Autismus widerlegt.cite-ref-167[167]
Die Impfung gegen Masern gilt als notwendig und sicher; die Studien zur Untersuchung der Nebenwirkungen der MMR(V)-Impfung sind mittlerweile ausfĂŒhrlich genug und bezĂŒglich des Studiendesigns teilweise adĂ€quat.cite-ref-pietrantonj-153-3[153] Ende 2013 hat das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) alle vom 1. Januar 2001 bis 31. Dezember 2012 gemeldeten VerdachtsfĂ€lle ausgewertet. Es konnte kein neues Risikosignal entdeckt werden, damit bleibt das PEI bei einer positiven Risiko-Nutzen-Bewertung der monovalenten und kombinierten Masernimpfstoffe.cite-ref-168[168]
Postexpositionsprophylaxe
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Hauptartikel
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Postexpositionsprophylaxe
Bei abwehrgeschwÀchten Patienten kann der Ausbruch durch eine passive Immunisierung mit humanem Immunglobulin innerhalb von drei Tagen eventuell verhindert oder abgeschwÀcht werden (mitigierter Verlauf). Bei immungesunden ungeimpften oder nur einmal geimpften Kontaktpersonen ohne Antikörpernachweis (seronegativ) ist innerhalb desselben Zeitraumes die aktive Immunisierung wie oben beschrieben angezeigt. Durch diese sogenannte Riegelungsimpfung soll das weitere Ausbreiten im Epidemiefall verhindert werden.cite-ref-rki-ratgebermasern-95-8[95]
Masern und Schwangerschaft
Der Kenntnisstand ĂŒber mögliche SchĂ€den einer Maserninfektion wĂ€hrend einer Schwangerschaft ist nur unzureichend. Möglicherweise erhöht die Erkrankung die Rate der Komplikationen bei der Mutter, ein fruchtschĂ€digender Einfluss der Masern kann im Moment weder bewiesen noch ausgeschlossen werden, wird jedoch im Falle des Bestehens fĂŒr sehr klein gehalten. Ein typisches Fehlbildungsmuster wie bei den Röteln besteht nicht. Es kann zu einer FrĂŒhgeburt oder einem Spontanabort kommen. Eine Erkrankung wĂ€hrend der Geburt muss nicht notwendigerweise eine Infektion des Neugeborenen verursachen. Solche perinatal (in der Geburtsphase) erworbene Masern gehen beim Kind jedoch mit erhöhten Komplikationsraten einher.cite-ref-uptodate-clin-diag-99-3[99]
Schwangere, die an Masern erkrankt sind, sollten medizinisch beobachtet werden, eine invasive prÀnatale Diagnostik ist nicht empfohlen. Die Behandlung erfolgt symptomorientiert. Unter UmstÀnden kann eine Immunglobulin-Gabe indiziert sein (s. o.).
Die MMR-Impfung wird mit einem Lebendimpfstoff durchgefĂŒhrt und ist deshalb in der Schwangerschaft nicht angezeigt (kontraindiziert). Eine versehentliche Impfung mit MMR in einer Schwangerschaft stellt jedoch keinen Grund zum Schwangerschaftsabbruch dar.cite-ref-169[169]
Geschichte
Erste Berichte ĂŒber die Masern sollen aus dem 7. Jahrhundert stammen und wurden durch den persischen Arzt Rhazes (Abu Bakr Mohammad Ibn Zakariya al-Razi) einem jĂŒdischen Arzt (âal-Yehudiâ) zugeschrieben.cite-ref-170[170] 910 erfolgte die erste bekannte ausfĂŒhrliche Beschreibung der Maserncite-ref-dutchbiblebelt-52-1[52] durch Rhazes, der sie als hasbah (arabisch fĂŒr âAusbruchâ) bezeichnete.cite-ref-strebel-171-0[171] Zudem gab er an, sie wĂ€ren âmehr gefĂŒrchtet als die Pockenâ.cite-ref-pinkbook-100-1[100] Auch wenn er die beiden Krankheiten differenzierte, so ging er (und auch andere) davon aus, dass sie eng miteinander verwandt seien.cite-ref-strebel-171-1[171] Zudem nahm er an, dass die Masern nicht ansteckend seien.
Berichte aus der Antike lassen sich nicht finden, so werden die Masern weder in den Texten Hippokratesâ noch in denen seines Nachfolgers Galen ĂŒberliefert.cite-ref-aerzteblatt-de-108467-172-0[172] Auch im Römischen Reich wurden die Masern nicht beschrieben; linguistische Analysen weisen darauf hin, dass die Masern in Europa erst im FrĂŒhmittelalter in Erscheinung getreten sind und entsprechend benannt wurden.cite-ref-dutchbiblebelt-52-2[52] Dort wurden sie erstmals als âRubeolaâ bzw. âMorbilliâ bezeichnet. Morbilli ist dabei das Diminutiv von Morbus (Krankheit), mit letzterem hatte man damals die Pest gemeint.cite-ref-strebel-171-2[171] Bis zumindest Ende des 19. Jh. wurde auch der eingedeutschte Plural âMorbillenâ verwendet. Die englische Bezeichnung âmeaslesâ stammt wahrscheinlich von âmeselsâ ab, die anglisierte Form von âmisellusâ, was wiederum das Diminutiv von âmiserâ (Elend) ist.
Trotz dieser frĂŒhen Berichte wurde daher auch vermutet, das Masernvirus sei erst im 11. oder 12. Jahrhundert evolutionĂ€r aus dem Rinderpestvirus hervorgegangen.cite-ref-173[173]
Mittels RNA-Sequenzierung des LungenprĂ€parates eines 1912 an Masern verstorbenen MĂ€dchens und im Vergleich mit jĂŒngeren RNA-Proben konnte eine molekulare Uhr erstellt werden, der zufolge der Zeitpunkt des Ăbergangs auf den Menschen bereits im 6. Jahrhundert v. Chr. liegen könnte.cite-ref-science-aba9411-85-1[85] Ausschlaggebend fĂŒr den Ăbergang auf den Menschen sei möglicherweise das Entstehen gröĂerer StĂ€dte mit ausreichender Bevölkerungsdichte gewesen, in denen das Virus auf Dauer zirkulieren kann.
Im Mittelalter forderten die Masern aufgrund ausgedehnter Epidemien viele Todesopfer. Nach der Entdeckung Amerikas starb ein groĂer Teil der einheimischen Bevölkerung an den aus Europa importierten Krankheiten wie Masern, Pocken, Keuchhusten und Typhus. Der Grund dafĂŒr war, dass die einheimischen Populationen keinerlei ImmunitĂ€t gegen diese Erreger aufwiesen.cite-ref-174[174] So kam es in Santo Domingo (1519), Guatemala (1523) und Mexiko (1531) zu verheerenden Masernepidemien. Im Jahre 1529 kam es zu einer sich ĂŒber Honduras und Mittelamerika ausbreitenden Masernepidemie, die zwei Drittel der Ăberlebenden der zuvor ausgebrochenen Pockenepidemie das Leben kostete.cite-ref-175[175]
Das PhĂ€nomen, dass das Masernvirus dann eine hohe LetalitĂ€t zeigt, wenn es auf eine zuvor unberĂŒhrte, nicht-immune Bevölkerung trifft, findet sich mehrfach auch im 19. Jahrhundert. So starben 40.000 der 148.000 Einwohner von Hawaii im Jahre 1848 und etwa ein Viertel der Bevölkerung der Fidschi-Inseln 1874.cite-ref-176[176]
Im 17. Jahrhundert war es das Verdienst Thomas Sydenhams, wĂ€hrend einer groĂen Epidemie in London die Masern als eigenstĂ€ndige Krankheit vom Scharlach und anderen fieberhaften ansteckenden exanthemischen Krankheiten, vor allem den mit Masern lange Zeit verwechselten Pocken und Röteln (German measles)cite-ref-177[177] abzugrenzen.cite-ref-igdm-178-0[178] 1882 veröffentlichte der französische Arzt Antoine Louis Gustave BĂ©clĂšre seine Aufsehen erregende Arbeit Die Ansteckung mit Masern. (Die französische Bezeichnung der Masern ist rougeole). Er und weitere französische Kliniker erreichten, dass die Masern im 19. Jahrhundert endgĂŒltig als eigenstĂ€ndige Krankheitseinheit gegenĂŒber den anderen Erkrankungen mit HautausschlĂ€gen wie den Röteln abgegrenzt wurden. Im Zuge einer Masern-Epidemie auf den FĂ€röer-Inseln erfolgte eine epidemiologische und klinische PrĂ€zisierungcite-ref-179[179] der Unterschiede von Scharlach und Masern.
1911 gelang es Joseph Goldberger und John F. Andersoncite-ref-180[180] erstmals, Affen mit Masern zu infizieren.cite-ref-181[181]cite-ref-werner-k-hler-2005-182-0[182] 1927 entwickelte Rudolf Degkwitz die passive Masernschutzimpfung (Postexpositionsprophylaxe).cite-ref-183[183] 1954 wurde das Virus von Enders und Thomas C. Peebles erstmals isoliertcite-ref-184[184] und gezĂŒchtet.cite-ref-werner-k-hler-2005-182-1[182] Dies fĂŒhrte 1958 zur Entwicklung des ersten Impfstoffes, der ab 1963 allgemein erhĂ€ltlich war.
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Wiktionary: Masern
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